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2015-09-03-Nachmittag

Gerade frisch aus der Einführung zu meinem ersten Kurs “Understanding International and Global History“, der mich überrascht zurücklässt. Und ich schätze, dass das gut ist. Die ersten 90 Minuten gingen für eine Vorstellungsrunde - wir waren etwa 10 Leute - und die Diskussion einer gestellten Diskussion drauf, die sich die Frage stellte, was denn transnationale Geschichte nun sei.[^1]

Es passiert eigentlich immer dasselbe, wenn ich mich vorstelle. Ich sage, dass ich Geschichte der Wissenschaften und Technik studiere, mich innerhalb des Feldes für die Geschichte der Botanik begeistern kann, mich darüber hinaus für Historiografie und für die Geschichte der Theorie interessiere. Und das alles aus einer ANT-Perspektive heraus. Dann wird geraunt im Raum und diejenigen nach mir lachen entweder eingeschüchtert oder wollen am liebsten gar nichts sagen. Zumindest sind sie beeindruckt. So auch diesmal. Mich erfüllt das mit einer diffusen Mischung aus Stolz und Verwirrung, weil das reine Aufsagen von Interessen noch keine Reaktionen dieser Art nach sich ziehen sollten. Aber, dass das in dieser Weise passiert, lässt in mir trotzdem den Eindruck entstehen auf dem richtigen Weg zu sein.

Die eigentliche Diskussion des Textes, den ich vorher gelesen hatte, das war aber nicht verpflichtend, funktionierte nach folgendem, mir bisher unbekanntem, Modus: Wir wurden in Zweierpärchen eingeteilt und uns wurde ein_e Teilnehmer_in aus der Diskussion zugeteilt. Danach hatten wir eine halbe Stunde die jeweiligen Kernthesen bezüglich transnationaler Geschichte herauszuarbeiten. Schließlich stellten wir unsere kurzen Ausarbeitung in ca. 5 Minuten vor, wobei die soziale Ordnung hier interessante Effekte zeitigte: Vorgestellt wurde nämlich nicht zum Plenum hin, sondern zur Lehrperson, die ihrerseits die jeweiligen Beiträge abschließend kommentierte, was eigentlich immer darauf hinauslief, dass sie “ja, aber…” antwortete. Dies wiederum sicherte ihr die Autorität im Raum, weil auf diese Weise das letzte Wort immer zu Gunsten der Lehrperson ging. Ich versuchte die Sache ein wenig aufzulockern/zu testen, in dem ich die Interpretation der gemachten Punkte im Hinblick auf ihre sozial ordnende Bedeutung innerhalb der Community der Transnationalen Historiker_innen zu betonen versuchte[^2], denn das musste notwendig auch die Lehrperson, die ja Teil dieser Community war, herausfordern. Dies funktionierte nicht so recht. Die Argumente wurden im Prinzip auch wieder durch “ja, aber”-Sagen abgewiesen. Interessant war aber, dass die Diskussion, die ich mit meinem_r Partner_in hatte, bevor wir die Sache vorstellten, mitgehört und für die “kanonische Bedeutungskonstruktion”, wie ich das hier mal provisorisch nennen will, verwendet wurde.

Das Ergebnis dieses Vorgangs war im wesentlichen eine sehr effektive, sehr hermeneutische (jedenfalls von der Gestik her) Herangehensweise, die im Vergleich zu den von mir gewohnten Berliner Verhältnissen wesentlich weniger offen und wesentlich weniger anspruchsvoll war. Die Spielregeln der Diskussion hatten zur Folge, dass alle etwas sagen mussten und das war dank der Übersichtlichkeit der Aufgabe auch möglich.

Ich geb’s zu: Wenn das die Art und Weise ist, wie sich der Kurs hier darstellen wird, dann werde ich mich vermutlich eher langweilen. Gut und herausfordernd hingegen ist das Lesepensum. Dadurch, dass wir wöchentlich sechs Stunden lang gemeinsam verbringen werden, kann man eine Menge Stoff durchnehmen, was wiederum bedeutet, dass eine Menge Stoff vorbereitet werden muss.

  • Folgendes Lesematerial wird für Feldneulinge empfohlen:
  • Anthony Best et al.: International History of the Twentieth Century, Routledge (2004), pp. 1- 184.
  • Folgende Bücher sind soweit ich das sehen kann Pflichtlektüre
  • Akira Iriye: Global and Transnational History. Past, Present, Future, Palgrave Pivot 2012
  • Robert R. Jackson and Georg Sørensen: Introduction to International Relations. Theories and Approaches, Oxford University Press, 5th edition 2012
  • Diese Texte sind außerdem zum jeweiligen Datum zu lesen
  • Patrick Finney: “Introduction: What is international history?” in Patrick Finney (ed.): Palgrave Advances in International History, Palgrave Macmillan, 2005 pp. 1-35
  • Sally Marks: The Illusion of Peace. International Relations in Europe, 1918-1933, Macmillan Press 1976 (book available from ‘semester shelf’ in the Nobel library); Please focus your reading on chapters 1, 2 and 6 (pp. 1-54, 137-46).
  • Zara Steiner: The Lights that Failed. European International History 1919-1933, Oxford University Press, 2005, pp. v-x (preface) and 1-11 (prologue)
  • Susan Pedersen: “Back to the League of Nations”, American Historical Review vol. 112, no. 4, 2007, pp.1091- 1117
  • Patricia Clavin: Securing the World Economy. The Reinvention of the League of Nations, 1920-1946, Oxford University Press, 2013, pp. 1-10, 341-51
  • Pierre-Yves Saunier: ‘Transnational’, entry in: Pierre-Yves Saunier and Akira Iriye (eds.): The Palgrave Dictionary of Transnational History. From the mid-19th Century to the Present Day, Palgrave Macmillan, 2009, pp. 1047-1055
  • Kiran K. Patel: “”Transnations” among “Transnations”. The Debate on Transnational History in the United States and Germany”, Harvard University Center for European Studies Working Paper Series 159/2008
  • Ann-Christina L. Knudsen and Karen Gram-Skjoldager: “Historiography and Narration in Transnational History”, Journal of Global History, vol. 9, no.1, 2014, pp. 143-61
  • Ann Christina L.-Knudsen and Karen Gram-Skjoldager: “An Introduction” in Living Political Biography. Narrating 20th Century European Lives, Aarhus University Press (2012), pp. 13-30
  • Bruce Mazlish: “An Introduction to Global History”, in Bruce Mazlish and Ralph Buultjens (eds.): Conceptualising Global History, Boulder: Westview Press, 1993, pp. 1-24
  • Kenneth Pomeranz “Review by Kenneth Pomeranz” in The International History Review, Vol. 28, No. 1 (March 2006), pp. 167-170.
  • Patrick O’Brien “Historiographical traditions and modern imperatives for the restoration of Global history” in Journal of Global History, 1 (2006), pp 3-39.
  • earlyamericanists.com
  • imperialglobalexeter.com
  • imperialandglobal.exeter.ac.uk of-global-history-courses/
  • Erez Manela. “Dawn of a New Era: The “Wilsonian Moment” in Colonial Contexts and the Transformation of World Order, 1917-1920”, in: Sebastian Conrad and Dominic Sachsenmaier (eds.): Competing Visions of World Order, Palgrave Macmillan, 2007
  • Andrew Arsan, Su Lin Lewis and Anne-Isabelle Richard: ”Editorial – the roots of global civil society and the interwar moment”, Journal of Global History, vol. 7, no.2, 2012, pp. 157-165
  • John Lewis Gaddis: “History, Theory and Common Ground”, International Security, Vol. 22, No. 1, Summer 1997, pp.75-85
  • Robert Jackson and Georg Sørensen: Introduction to International Relations: Theories and Approaches, Oxford University Press, (4th edition, 2010/5th edition 2012), pp. 28-180 in the 2010 edition/pp.32-178 in the 2012 edition (focus on chapters on realism, liberalism and post-positivist approaches (chapter numbers differ between the two editions))

Die Bewertung des Kurses funktioniert dabei nach dem Prinzip der Beantwortung eines Examensfrage im Umfang von 15 Seiten. Die Antwort muss innerhalb von sieben Tagen eingereichte werden.

Einen weiterer Kurs im gleichen Umfang, bei der gleichen Lehrperson, werde ich ab Oktober besuchen. Es wird ein stressiges Semester, wenn man bedenkt, wie schwierig derzeit noch die Einrichtung und Durchhaltung von Routinen ist.

Mir gefällt das alles nicht wirklich. Hinzu kommt das schlechte Gewissen, dass ich wenigstens noch die BenjaminLatour-Arbeit schreiben und auch eine mündliche Prüfung am Ende Semesters in Berlin machen muss. Mal ganz davon abgesehen, dass mich es gerade mal wieder zerreißt.


Gestern hatte ich Geburtstag und habe mit einer guten, guten Freundin - wenigstens das lässt sich jetzt schon behaupten - dem historischen Start des ersten dänischen Astronauten Andreas per Livestream im Søauditorierne beigewohnt. Medien waren da und eine Menge Leute. Früh musste ich aufstehen: 03:30 Uhr hatte der Wecker geklingelt. Meine Unfähigkeit Dänisch zu verstehen führt dazu, dass ich mich allein auf die Bilder konzentrieren konnte. Immerhin war der Livestream, die 15 Minuten, die ausschließlich dieser gezeigt wurde, in Englisch. Was mir dabei mal wieder klar wurde:

Wie ungemein seltsam mein Feld (STS oder Science Studies oder was immer ich auch mache…) eigentlich ist. Wie ist es möglich, dass ich mich intelligent zu wissenschaftlichen Entwicklungen äußern kann, obwohl ich selbst kein Astronom bin? Und was bedeutet meine Beschäftigung eigentlich? Warum sollte sich irgendjemand dafür interessieren? Möglicherweise findet man ein Interesse lediglich vor, aber wer weiß? Es erstaunte und erschreckte mich gleichermaßen, wie diese spezielle Situation das Projekt einer Anthropologie der Moderne, zwar nicht in Frage stellte, doch aber mir plötzlich gegenüber der hier gezeigten Wissenschaftskultur bewusst wurde. Soll heißen: Die relationale Beschreibung ist zu unterscheiden vom zu Beschreibenden. Mit Latour fliegt man nicht zur ISS. Aber man versteht besser wie es geht, wenn mir diese hermeneutische Wendung hier erlaubt sei. Ein interessantes Paradox. Die ganze Veranstaltung erinnerte mich daran, wie sehr ich mir die Realität der jeweiligen wissenschaftlichen Welt immer wieder vor Augen halten muss.

Folgendes schrieb ich an meine Großeltern:

”Liebe Hähnels: Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die dänische Menschheit. Ich bin - an meinem Geburtstag! Und das als Eule! - 03:30 Uhr aufgestanden um einem wissenschaftshistorischen Moment beizuwohnen. Heute wurde nämlich nicht nur ich ein Jahr älter, sondern außerdem der erste Mensch dänischer Nationalität mit einer Rakete vom Typ Soyuz TMA-18M vom kasachischen Baikonur Kosmodrom, dem größten Raketenstartplatz der Welt, um 04:37 und 43 Sekunden Ortszeit (06:37 Aarhuser Zeit) gemeinsam mit einem kasachischen und einem russischen Kosmonauten in den Weltraum geschossen. Andreas Mogensen wird zwei Tage in der Kapsel auf Kontakt mit der Raumstation warten und anschließend auf der ISS 8 Tage verschiedene Experimente durchführen, bevor es wieder zurück geht. Ich war mit einer Freundin also wie gesagt in aller Herrgottsfrühe im Søauditorierne der Aarhuser Universität um einer Liveübertragung des Ereignisses beizuwohnen. Es war toll. Ich habe bei den vielen Kleinsvorträgen zwar nur Smørrebrød verstanden, aber die Bilder sprachen für sich (und zumindest der unmittelbare Start wurde auf Englisch kommentiert). Ein tolles Erlebnis, dass vielerlei Gedanken und Gefühle in mir auslöste, die ich erstmal setzen lassen muss, bevor ich sehen kann, was dort aufgewirbelt wurde. Ich hoffe es geht euch gut. Mir geht’s sehr. Liebe Grüße, ich denke an euch Martin”

Abends dann buken wir, d.h. neu gemachte Freunde von mir, die erstaunlich gut zusammenpassten (Schicksalsgemeinschaft; aber darüber hinaus wurde hauptsächlich herzlich gelacht und sich wirklich aufeinander eingelassen) und ich Pizza gemeinsam und das war sehr schön. Es ging länger als erwartet, was immer ein guter Indikator ist. Mit meinen 29 Jahren bin ich allerdings mit ziemlichem Abstand der Älteste. Nicht nur in dieser Gruppe, sondern insgesamt unter den internationalen Austauschstudis. Mich stört das nur, wenn ich daran denke, dass all das Positive hier auch schon früher hätte geschehen können, wenn ich nicht drei Jahre in Bremen herumgepimmelt hätte. Aber das sucht man sich ja nicht wirklich aus.


Sorgen bereitet mir so einiges:

  1. Ich genieße die Zeit hier sehr
  2. Mein schlechtes Gewissen ist groß
  3. Das liegt daran, dass es finanziell kurz und mittelfristig eher düster aussieht und eine Chance auf Besserung einzig darin besteht den Master in 2016 abzuschließen
  4. Ich fühle mich intellektuell unter- und bezüglich dem Folgen von Autorität überfordert
  5. Was ich meine: Ich will diese andere Lehrkultur ernst nehmen und verstehen lernen, aber es bereitet mir doch einige Schmerzen
  6. Ich spüre meine “Senioritis” stark
  7. Ich spüre und sehe mein Alter
  8. Ich kann meinen eigenen Ansprüchen unter dem hier herrschenden Regime nicht gerecht werden

Und all die schlechten Sachen wiegen die guten nicht auf, umgedreht aber leider auch nicht. Und so schwebe ich irgendwo dazwischen. Ich bin also hauptsächlich glücklich, bzw. kann mich so schätzen. Es bleibt aber ein Glück “with strings attached”.[^3]

[^1]: C. A. Bayly u. a., AHR Conversation: On Transnational History, in: The American Historical Review, 111/5, 2006, 1441–1464.

[^2]: Steven Shapin, Simon Schaffer, Leviathan and the air-pump: Hobbes, Boyle, and the experimental life, Princeton, N.J (Princeton University Press) 2011, S.: xlix - “Leviathan and the Air-Pump was an attempt to see the problem of knowledge and the problem of order as the same problem. Wherever and whenever groups of people come to agree about what knowledge is, they have practically and provisionally solved the problem of how to array and order themselves.”

[^3]: Hier ganz ausgeklammert die schreckliche und unhaltbare Flüchtlingssituation in Europa und Deutschland. Der gewaltsame Rechtsruck in meinem Heimatland. Wie ich im ersten Aarhus-Eintrag schon sagte: “Im Hinblick auf die nächtliche und sehrfrühmorgendliche Fahrt hier her, mit ICE, Regional Express, Regional Bahn, Bus und einem dänischen, sehr angenehmen LYN (was wohl für “Blitzschlag” steht) bekam ich den etwas pelzigen Geschmack nicht ganz vor der Zunge, dass es sich hier um ein exklusives und (zu?) gut verteidigtes Fleckchen der Festung Europa handelt: POC wurden von uns übrigen Reisenden getrennt. Es wurden Pässe verlangt. Mein Eindruck war: Nicht alle durften weiterreisen. Es waren Familien mit Kindern darunter! Ich selbst stand dem so machtlos gegenüber, wie ein Stück Vieh, dass seinen nächsten LKW auf dem Weg zur Wurstfabrik (= Stufe auf der Karriereleiter = Auslandssemester = Qualifikation für späteres Arbeiten im wissenschaftlichen Beruf) erreichen muss und daher all diese schemenhaften Eindrücke überhaupt nicht empirisch fixieren kann. Ich fühlte mich in dieser gespenstisch uneindeutigen Mélange aus komplizierten Gefühlen und unklaren Impressionen an Children of Men erinnert.”

2015-05-31-Nachmittag

Mit Blick auf die AlienAnthropologie von gestern, dachte ich gerade, dass wir uns Aliens als "die, mit denen wir nicht kommunizieren können" vorstellen. Warum eigentlich?

Oder anders: Fremd ist uns, was schlecht mit uns kommuniziert. Das mag gar so weit gehen, dass es überhaupt nicht mehr kommuniziert. Es handelt sich also um eine Skala. Wie der Standpunkt der strukturalistischen Forschungsprogramme oder zumindest jener, die auf Shannon/Weaver aufsetzen (Kittler), zu definieren wäre, müsste man sich mal anschauen. Von wo spricht man, wenn man behauptet nichts zu verstehen und lediglich zu beschreiben? Dass darin eine Frische, ein Auffrischungspotential für die Geschichtsschreibung steckt, sehe ich vollständig ein (man sehe sich das Feld der "Digital History" an und vorher: Geschichte als Biologie, Geschichte als Semiotik, Geschichte als Geografie, usw. usf.). Aber wie bleibt man dieser Bewegung treu? Soll heißen: Wie bezahlt man den vollen Preis für diese Distanzierung, wenn sie nicht nur scheinbar sein soll? Der Vorgang, der neue Nähe durch Distanzierung schafft ist nicht leicht herauszulösen, aus der Historie.

Mit Blick auf die Aliens: Da wir hier nicht tricksen können, da wir am Anfang der Untersuchung nur materielle und (uns an-)schweigende Artefakte zu greifen bekommen, wäre erstmal zu zeigen, dass eine Anthropologie ohne Informant_in überhaupt möglich ist. Wie bringt man Artefakte unter diesen Umständen dazu zu sprechen?

Und ist sprechen dann noch das richtige Wort? Wieso erinnert das alles an Hermeneutik, wenn doch die 1960er-Jahre und folgende Jahrzehnte gezeigt haben wollen, dass ein solches "sich Einfühlen" unmöglich, unnötig und gestrig ist? Ich müsste mein Wissen über Hermeneutik und Dekonstruktion mal ausbauen, um zu wissen, was eigentlich was meint, aber das lässt sich vielleicht jetzt schon sagen[^1]:

Wir treten allem, selbst dem Fremdesten, selbst dem "unvorstellbarsten Vorstellbaren" gegenüber, in dem wir Koexistenz anstreben. Koexistenz kommt zustande, in dem Korrespondenz betrieben wird und das heißt, kurz gesagt: Es wird kommuniziert. Allerdings immer unter dem Vorzeichen des Vorfristigen (d.h.: Wir testen). Nur ist dann schon wieder die Brücke geschlagen zwischen "bekannt" und "unbekannt", zwischen "Nähe" und "Ferne", zwischen "Uns" und den "Aliens".

Kurz: Keine Berührung, egal wie vermittelt, lässt unberührt. Wäre aber das nicht gerade die Voraussetzung für Alien-Anthropologie?

[^1]: Hier eine Wendung aus einem Gespräch mit L. aufnehmend, nämlich der, dass etwas miteinander "korrespondieren" kann.

2015-05-29-Vormittag

Gibt es so etwas wie Alien-Anthropologie?

Hatte gerade eine Idee: Was wäre, wenn wir vom Inhalt der Kommunikation vollständig absehen würden? Angenommen, wir hätten es nicht mit einer irdischen Kultur zu tun, sondern mit einem Alienkollektiv: Könnten wir trotzdem etwas über die Funktionsweise des Kollektivs herausfinden? Die Antwort ist mit ziemlicher Sicherheit: Ja. Es wäre eine interessante Sichtweise. Wenn wir vollständig[^1] vom Inhalt abstrahieren, dann müssen wir sehr genau hinschauen, wer mit wem wie assoziiert wird. Wir würden wahrscheinlich feststellen, dass man erstaunlich viel über das Kollektiv sagen kann, auch wenn man nicht weiß, was inhaltlich besprochen wird. Akteure und ihre Verbindungen könnten (bis zu einer bestimmten Grenze) nachgezeichnet werden und dadurch, dass man vom Inhalt nichts versteht, müsste man sehr vorsichtig vorgehen. Schnellschüsse, die Diskurse aufgrund von inhaltlichen Ähnlichkeiten behaupten, wären dann unwahrscheinlicher.

Vielleicht ist diese Einstellung grundsätzlich gut zu heißen. Ich denke, dass Latour das ständig macht. Ein prominentes Beispiel wären seine Gifford-Lectures. Aber vielleicht muss man dieses Verfahren noch viel ernster betreiben. Jedenfalls wäre das eine interessante Ausgangsposition.

Was ich also sagen will: Wäre eine Wissenschaft vorstellbar, die prinzipiell mit ganz fremden und erstmal nur äußerlich zugänglichen Kollektiven umgeht? Wäre diese Wisssenschaft aufs eigene Kollektiv anwendbar? Was wäre das Ergebnis einer solchen Alienanthropologie?

[^1]: Es ist nicht auszuschließen, dass man irgendwann doch einen Sprachzugang findet. Aber der kommt dann in gewisser Weise von außen. Diese Situiertheit wäre dann noch mal zu diskutieren.

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